Der Angriff des 60th IR kam zunächst recht gut voran, das Regiment stieß auf keine entschlossene Gegen­wehr. Nachdem das erste Tagesziel, Vasteville, eingenommen worden war, rückten die Einheiten weiter auf ihr zweites Tagesziel, die Höhe 170, vor. Wenige hundert Meter südlich der Höhe 170 gerieten die Amerikaner jedoch unter starkes Artilleriefeuer, das einen weiteren Vorstoß nach Norden zunächst unmöglich machte. Das dem vorrückenden 60th IR nachfolgende 47th IR drehte auf Höhe von Vasteville nach Osten ein und begann, nördlich und südlich des Bois de Néretz in Richtung Höhe 171 vorzugehen. Bereits wenige hundert Meter nach dem Verlassen der Startlinie, die durch den Verlauf des Baches Néretz gekennzeichnet war, blieb das 2nd Bn, 47th IR, jedoch kurz vor der Kreuzung 114 (D22 und D64) in konzentriertem deutschen Abwehrfeuer liegen, dem südlich des Bois de Néretz in Richtung Sideville vorrückendem 1st Bn, 47th IR, erging es nicht besser.

Das nun festsitzende 47th IR versperrte jetzt dem 39th IR den weiteren Vormarsch in Richtung Flottemanville-Hague. Gegen 16:30 erteile Major General Eddy neue Befehle, die der veränderten Situation Rechnung tragen sollten. Nun sollten die 1st und 2nd Battalions des südlich der Höhe 170 fest­sitzenden 60th IR beiderseits der heutigen D123 nach Flottemanville-Hague und von dort weiter bis nach Henneville vordringen, welches ursprünglich das Ziel des 39th IR war. Das 3rd Bn, 60th IR, dagegen sollte Höhe 170 nun alleine einnehmen und von dort entlang der heutigen D37 zur Kreuzung D37/D901 (Carre­four des Hougues) vorstoßen und die Straße Cherbourg - Cap de la Hague unterbrechen. Die 1st und 2nd Bn, 60th IR, starteten ihren nun entlang der D123 in Richtung Flottemanville-Hague zielenden Vorstoß gegen 19:30, blieben aber schon nach wenigen hundert Metern im starken deut­schen Abwehrfeuer aus vorbereiteten Abwehrstellungen im Raum Gourbesville liegen. Auch dem 2nd Bn, 47th IR, blieb ein Durchbruch an der Kreuzung 114 (D22 und D64) an diesem Tag verwehrt, das Bataillon gab bei Einbruch der Nacht den Plan auf, den Höhenzug östlich von Kreuzung 114 zu erreichen. Einzig dem 3rd Bn, 60th IR, war am Abend des 20. Juni wenigstens ein Teilerfolg beschie­den. Nach der Einnahme der Höhe 170 stieß das Bataillon bis auf 1,2 km an ihr Tagesziel, die Kreuzung D37/D901 (Carrefour des Hougues) vor, und ging dort in Stellung. Der entschlossene Widerstand der Deutschen, dem sich die 9th ID entlang der Linie Gourbesville – Acqueville (Kreuzung 114) – Sideville gegenübersah, war zu stark, um in der Nacht auf den 21. Juni weitere Gelände­ge­winne erzielen zu können.

Somit endete am Abend des 20. Juni mit dem Erreichen der Befestigungen der Landfront Cherbourg der rasche Vorstoß der 9th und 79th IDs in Richtung Cherbourg, während an der Ostseite die 4th ID noch keine Berührung mit dem Verteidigungsperimeter berichten konnte.

Die deutschen Verteidigungsstellungen, die Cherbourg in einem Halbkreis nach Süden, Westen und Osten abschirmten, die sogenannte Landfront Cherbourg, erstreckten sich von Ost nach West ausge­hend vom Cap Lévi über Maupertus, Bois du Coudray, Höhe 178, Oberlauf des Flusses Trottebec, Hardinvast, Martinvast, Sideville, Höhen 128 und 131, Flottemanville-Hague, Ste Croix, Hague, Branville bis nach Hamey Gruchy an der Nordwestküste des Cotentin. Dieser Verteidigungsperimeter war durch circa 90 vorbereitete Stellungen gekennzeichnet, über die die Amerikaner durch ihre Aufklärung jedoch schon bereits vor der Landung detaillierte Kenntnisse besaßen. Die große Unbekannte war jedoch, wie stark die deutschen Truppen tatsächlich waren, die den Vertei­digungs­ring bemannten. Wie bereits erwähnt schätzten die Amerikaner die Stärke der im Nordteil der Halbinsel abgeschnittenen deutschen Truppen auf 25.000 – 40.000 Mann. Tatsächlich verfügte General­leutnant von Schlieben jedoch nur über rund 20.000 Soldaten, die aus allen Teilstreit­kräften stammten und zum Teil nur geringe Kampfkraft besaßen. Dies war der Führung des US VII Korps jedoch nicht bekannt. Konsequenterweise befahl Major General Collins noch am Abend des 20. Juni während der Nacht und des folgenden Tages, die Zahl und Kampfstärke der deutschen Verteidiger durch aggressiv geführte Patrouillen aufzuklären.

Noch vor dem Beginn des deutschen Rückzuges auf die Landfront Cherbourg am 20. Juni hatte Gene­ral­leutnant von Schlieben angeordnet, seine Truppen bei Erreichen der Landfront Cher­bourg so zu gruppieren, dass die insgesamt vier gebildeten Kampfgruppen von Offizieren kom­mandiert wurden, die mit dem jeweiligen Geländeabschnitt, der von ihrer Einheit zu verteidigen war, so weit als mög­lich vertraut waren.

Im Westen im Raum Vauville – Branville (von Vauville bis zum Widerstandsnest WN-482) stand die Kampf­gruppe Müller (Oberstleutnant Franz Müller, Kommandeur des GR 922), die sich aus den Resten der 243. ID zusammensetzte. Der Abschnitt Branville bis zur Straße Cherbourg – Bricquebec (WN-482 bis WN-463, heutige D900 auf Höhe von la Berge­rie, circa 1 km westlich von Hardinvast) wurde vom GR 919 und dem Maschi­nen­­gewehr-Bataillon 17 unter Oberst­leutnant Günther Keil verteidigt. Ostwärts der D900 bis Ruffosses (WN-462 bei la Bergerie bis WN-437 bei Ruffosses) stand das GR 739 unter Oberst Walter Köhn und daran anschließend bemannte das GR 729 unter Oberst Helmuth Rohrbach die Stellungen bis zum Cap Levy (WN-437 bei Ruffosses bis WN-201 bei Port Pignot) .

Für die eingeschlossenen deut­schen Truppen war die Situation im Prinzip hoff­nungslos. Zwar waren Lebensmittelvorräte für fast 2 Monate vorhanden, auch die Munitionsvor­räte waren zufrieden­stellend, es herrschte jedoch großer Mangel an Panzerabwehrkanonen. Erschwerend kam hinzu, dass auch die zahlreichen 8,8 cm Flakgeschütze der insgesamt 11 Flakstellungen im Raum Cherbourg nicht in Richtung der erwarteten Vorstoßrouten der Amerikaner verlegt werden konnten, da sich alle Zugmaschinen der Geschütze am 6. Juni im Raum Ste-Mère-Église befanden und schon in den ersten 24 Stunden nach der Landung durch ameri­kanische Fall­schirm­jäger zerstört worden wa­ren.

Man stand also dem erwarteten Ansturm der amerikanischen Panzer-Bataillone nahezu wehr­los gegenüber und hoffte, durch Sprengung der über die zahlreichen Gewässer führenden Brücken den Vorstoß der motorisierten US-Einheiten wenig­stens etwas verzögern zu können. Da auch keinerlei Aussicht mehr bestand, aus dem Süden entsetzt zu werden, ging es nur noch darum, so lange wie möglich Widerstand zu leisten, um währenddessen die Anlagen des Tiefwasserhafens in Cherbourg so umfassend wie möglich zu zerstören.

Der Kampf um Cherbourg, 20. Juni 1944
Der Kampf um Cherbourg, 20. Juni 1944

Trotz anfänglich guter Erfolge gelang es der 9th Division im Laufe des 20. Juni nicht, die ambitionierten Befehle von Major General Collins in die Tat umzusetzen, ein Einbruch in die Landfront Cherbourg blieb der 9th ID an diesem Tag noch versagt.

Die Cherbourg Landfront kurz vor dem Angriff des US VII Corps
Die Cherbourg Landfront kurz vor dem Angriff des US VII Corps

Die Cherbourg Landfront (gelbe Linie) erstreckte sich von Ost nach West vom Cap Lévi über Maupertus, Bois du Coudray, Höhe 178, Oberlauf des Flusses Trottebec, Hardinvast, Martinvast, Sideville, Höhen 128 und 131, Flottemanville-Hague, Ste Croix, Hague, Branville bis nach Hamey Gruchy an der Nordwestküste des Cotentin. Sie umfasste circa 90 vorbereitete Stellungen, die jedoch nicht alle voll ausgebaut waren.

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